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Das Minitagebuch eines Kaironeulings
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Polarlicht




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BeitragVerfasst am: 07.03.2013, 20:09    Titel: Das Minitagebuch eines Kaironeulings

Ich versuche, eine Art Minitagebuch zu schreiben, in dem ein paar Tipps und Flops aufgezeigt werden sollen. Jede Kairoreise wird anders sein - ein paar Erlebnisse sind sicher fast immer zu erleben. Ich bin kein schneller Schreiber - und habe zudem einen Beruf - so dass es immer etwas dauert, bis der nächste Tag kommt.
Für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Es geht auch einfacher. Wer nach Kairo reist bucht neben Nagi als Führer auch sein Appartement in Heliopolis. Und ein toller Urlaub beginnt.

Heiner
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Normalerweise eher am Nordpol wie am Äquator
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Aegypten Urlauber







Verfasst am:     Titel: Urlaubsangebote

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Polarlicht




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BeitragVerfasst am: 07.03.2013, 20:15    Titel: Der Reisetag

Reisetag

„Guten Tag sehr verehrte Fluggäste, hier spricht ihr Flugkapitän“
tönte es aus dem Lautsprecher, während der swissFlieger in Zürich
Kloten von Gate E52 weggeschoben wurde. „Ich begrüsse Sie an
Bord dieses Flugzeuges und wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.
Mein Kopilot wird das Flugzeug nach Kairo steuern wo im Moment
angenehmes Wetter ist, rund 23 ° Celsius, leicht bewölkt und etwas
dunstig. Das Cockpit wird sich kurz vor der Landung mit den
neuesten Informationen melden.“

Nach einem kurzweiligen Flug, ich sah von hinten meine
Reisepartnerin Johanna, die sich zum Fenster lehnte, auf die
Erde guckte und ab und an rapportierte: Meillä lentämme Ateena –
was ungefähr wir fliegen über Athen bedeutet.

Mit dem Kopiloten am Steuer hatten wir Glück. Offenbar war
er am Flughafen vorbei geflogen was uns dann eine tolle Kurve
vor der Landung über die Innenstadt von Kairo bescherte – und
gleichzeitig den ersten unglaublichen Eindruck der Grösse und
Organisation dieser Stadt ermöglichte. 28 ° Celsius, sonnig und
dunstig – und eisige Kälte im Flughafen im Korridor zum Gepäckband.
Auf dem Weg von den Gates F liegt die Bank zum Visakauf rechts,
direkt nach einem Knick im Gebäude. Drei Banken streiten sich
um die Kunden, was nicht spannend ist, da die Visa bei Allen
gleichviel kostet. Viel lieber möchten die Banken Euros oder
Schweizer Franken tauschen wie nur Visa verkaufen. Das wollten
wir nicht. Der Kurs im Flughafen sei schlecht wussten wir. Aber ab
und an geht es nicht ohne.

In der Passkontrolle einige Schritte weiter sitzen Uniformierte,
die sich kaum den Pass ansehen – oder wer sich dahinter verbirgt -
30 US Dollar sind der Grund dieser. Zudem bekam man eine
einzigartige Show der Fingerfertigkeit des Kontrolluers. Pass auf,
erste Seite die nicht gestempelt ist suchen – Visakleber einkleben –
Stempel drauf – Thank you Sir, den Pass in der Hand sofort
weitergehen bitte. OK, die Visamarke ist auf dem Kopf, gestempelt,
auf Seite 30 anstelle Seite 13. – sonst ist alles richtig.

Schon sind wir am Gepäckband auf dem unsere Koffer
anfahren. Zollkontrolle und schon ist erste Frage: Visa?
Where Visa fragte der Uniformierte? On page 30. Ohne zu gucken
drückt er mir den Pass in die Hand. Wenn der gewusst hätte, dass
da mehr als 2 kg Schweizer Schokolade an seinem Mund vorbei
gerauscht sind, hätte er sich wohl die Mühe gemacht, den Koffer
etwas anzusehen um einen Brosamen davon abzukriegen.

Durch eine offene Schiebetüre in einem durch Gurten
abgesperrten Bereich, wo schon viele helfende Hände warten,
den Koffer zu tragen, zu schieben, den schönsten Taxi anzupreisen
und sogar Hotelzimmer könnten gleich gebucht werden. Gleich dabei
ist ein kleiner abgesperrter Kaffeebereich, geradeaus nach der
Schiebetüre mit Milchglas, der beste Treffpunkt, um auf jemanden
zu warten. Antje, einen Kaffee sowie ein Muffin in den Händen
gleitete zum Entsetzen der Bedienung zu uns, umarmt und küsste
mich herzlich, danach Johanna, die sich bei mir eingehängt hat um
durch die Kontrollen zu gehen.
Leider muss man hier einfügen, dass am Flughafen einige helfende
Hände, die sich nicht der christlichen Hilfe der dargebotenen Hand
anschliessen sondern vor allem wenig routinierten Reisenden das
Leben schwer machen. Diese ziemlich aufdringlichen Herren
verlangen bis zu 5 Dollar für das heben eines Koffers in einen
Taxikofferraum und ähnlichen Kleinigkeiten – und ab und an kriegen
sie diese Summen auch. Der Grundsatz am Flughafen lautet:
Keine fremde Flosse an meinem Koffer.

Als erstes gehen wir in den Dutyfree. Da darf jeder international
ankommende Fluggast – also auch Frauen – 4 Liter Alkohol kaufen.
Es gab sehr günstigen Finlandia Wodka in Literflaschen, einige,
auch teure, Cognac zu unglaublich tiefen Preisen, zwei tolle
Single Malts – und ein bescheidenes Weinangebot.
Antje hatte eine Bestellung der „Freunde“ mitgebracht, die am
Abend die Ware dann gleich abholen kommen werden. Und weiter
zum Taxi, das Antje schon zum Flughafen gebracht hat.
Der Fahrer Said gilt als toller Fahrer. Höflich, sorgfältig fahrend
und man kann normalerweise vernünftige Preise mit ihm aushandeln.
Normalerweise sollte man ungeübterweise und sprachenunkundig
eher ein weisses Taxi mit wenig schwarzer Bemalung benützen –
und kein schwarzes mit weisser Bemalung - und immer, wenn man
keine Ahnung des Fahrpreises hat, das Taxameter einschalten lassen.
Mehr dazu mal später.
Der Verkehr erinnert an Neapel, wobei das hupen nicht so genau
geregelt ist wie in Süditalien. Im Grundsatz fährt man vorwärts.
Und guckt geradeaus. Alles was man sehen kann ist in der
Verantwortung des Fahrers – für alles andere die anderen
Fahrer – oder inschallah. Die Warnsignale 1 bis 3 mal hupen
sind je nach Bedrohungslage verschieden zu verstehen.
4 mal hupen kann auch ich habe eine neue Hupe bedeuten.

Ein Koffer auf dem Dach, weil nebst dem Bezinkanister auch der
fahrereigene Kinderwagen noch im Kofferraum liegen muss.
Mit ersten Eindrücken des lokalen Verkehrs und der Besiedlung
erreichen wir home sweet home von Antje, ganz nahe dem
American College in Maadi Degla.

Nebst den beiden Koffern waren ja noch 8 Liter „Zucker*“ das
Treppenhaus hoch ins das 4. Geschoss zu schleppen. Kurz nach
unserer Ankunft öffnet sich ungefragt die Wohnungstüre, eine sehr
attraktive Einheimische kommt und stellt sich vor, packt sich eine
Flasche – legt einen Packen ägyptisches Geld auf den Küchentisch
und beginnt zu plaudern. Ja wegen Nachbarin, mein Englisch
scheint eher schlecht zu sein, zumindest verstehe ich nicht alles
und auch nicht richtig. Sie wohnt zwei Geschosse unter Antje. Am
nächsten Tag stellte sich heraus: Richtig, schon 2 Geschosse
unterhalb Antje, aber im übernächsten Haus an der Querstrasse.
Na ja so genau wollte ich es gar nicht wissen.

Gegen 20 Uhr fahren wir, Johanna und ich mit Antje und Tilmann,
einem weiteren Bewohner der Liegenschaft, mit einem Taxi zum
Taboula in der Garden City. Das ist ein Restaurant mit Garten,
man sitzt unter tollen Pflanzdächern, es plätschern ein paar
Wasserfälle und die Bedienung ist fast überfordert. Und treffen
eine ganze kleine Gruppe von Freunden von Antje und Tilmann.
Eine deutsche Dame die seit Jahren in Kairo lebt erklärt: In
diesem Lokal kann man nur Vorspeisen essen, die sind genial.
Die Hauptspeisen – na ja , die gibt es anderswo besser. An
Nebentischen wird Shisha geraucht, wobei hier offenbar die
Kohle unterschiedlich sein kann – und zudem auch der Tabak.
Darüber zu berichten überlasse ich den Geniesser des Rauches.

Nach genialem Vorspeisenbuffet - es geht schon gegen 23 Uhr –
verlassen wir die Gaststätte . Und finden ein Taxi, das uns zu
einem Lebensmittelgeschäft in einem Untergeschoss fährt.
Nach Einkauf für Essen, Trinken und Weiteres, nach dem bezahlen,
eine Treppe raufschleppen auf das Strassenniveau und schon ist
der erste Taxifahrer da, der uns mitnimmt. Nach wenigen Kurven
heftiger Streit zwischen Antje und dem Fahrer, nachdem dieser
zwei Mal links und rechts vertauscht und zudem beim Drehen des
Taxis ein geparktes Fahrzeug touchierte. Der Streit endete mit
einem Stopp mitten auf einer Kreuzung. Das Taxameter zeigte
4 Pfund an. Begleitet von den lauthals gebrüllten besten Wünschen
des Taxifahrers spazierten wir schwerbeladen zwischen ein paar
Häuser durch und schon war der Wohnblock mit Antje Wohnung
mit aller Last schon erreicht.
Um das üppige Mahl gut zu verdauen genossen wir einen finlandia
Wodka – eine Art Medizin Einnahme. Johanna und ich erklärten den
Genuss zum Ritual– und was uns täglich eine Woche lang eine Art
Reminder an unsere Herkunft ermöglichte.

Morgen Donnerstag: Treffpunkt mit Nagi um 10 Uhr Wow.
Die Ferien beginnen richtig.
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pony77




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BeitragVerfasst am: 08.03.2013, 00:40    Titel:

Danke Polarlicht!
Der Bericht steigert doch meine Vorfreude auf Ende März ungemein!
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26.3.-5.4.2013 Hurghada
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Littleburni




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BeitragVerfasst am: 08.03.2013, 15:55    Titel:

Oh prima, der Bericht geht los Very Happy Kann kaum erwarten, wie es weiter geht...
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Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind (Kurt Tucholsky)
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Polarlicht




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BeitragVerfasst am: 08.03.2013, 19:53    Titel: 1. Tag in Gizeh und im Islamischen Kairo

1. Tag in Gizeh und im Islamischen Kairo

„Allahu akbar“ tönt es durch das geschlossene Fenster
kurz nach 6 Uhr. Der Ruf des Muezzin vom Balkon der
benachbarten Moschee. Gott ist grösser – der Weckruf
zum Frühgebet der Muslime auf der ganzen Welt –
so auch in Kairo.
Für einen Muslimen eine wichtige Zeit die dem Gebet
gewidmet sein soll, für einen Ungläubigen, sich um
Bette zu drehen und weiter zu schlafen.
Am Vorabend haben wir im Supermarkt im Untergeschoss
Erdbeeren gekauft. Der Verkäufer meinte: Die Erdbeersaison
ist bald vorbei. Bessere Erdbeeren wirst Du nicht mehr
kriegen – und gleichzeitig bekam ich den Rat, wie man
als Tourist Erdbeeren wäscht: Unser Wasser ist Trinkwasser,
es hat aber sehr viel Chlor im Wasser – und leider auch
Schwermetall. Du legst die Erdbeeren in eine Schüssel
mit Wasser und tauchst die Früchte eine längere Zeit.
Diese in ein Sieb geben und etwas Mineralwasser darüber
träufeln und in einem Gefäss auffangen. Danach die
Beeren quasi im wenigen Mineralwasser gut drehen –
abtropfen lassen. So kannst Du die Beeren problemlos
essen. Ohne Gefahr. Die Erdbeeren waren wirklich genial.

Etwas später Beginn des Bummels zum Treffpunkt mit
Nagi – Haupteingang des American College – und
gleich eine SMS: Bin schon da!
Nach kurzer Kennenlernrunde in Deutsch, Englisch,
Finnisch und Schweizerdeutsch Einstieg in Nagis Auto
und los geht die Reise Richtung Gizeh, der Pyramidenstadt.
Verkehrschaos in Kairo aus Sicht der Mitteleuropäer, Alltag
aus Sicht der lokalen Leute. Sind 3 Spuren auf die Strasse
gemalt, stehen 5 Autos neben einander. Das klappt wunder-
bar, solange man sich an die hausgemachten Strassenregeln
hält. Alle! Auffallend aggressiv und hektisch spurwechselnd
fahren einige Taxis und Minibusse. Die Minibusse sind die
Rettungswagen des öffentlichen Verkehrs. Permanent
unterwegs, an den improvisierten Haltestellen kaum
stoppend, oftmals überfüllt, transportieren sie Gäste
auf für uns unergründlichen Wegen kreuz und quer
durch die Stadt. Man steigt ein, bezahlt ein paar Pfund,
versucht zu sitzen, und bereitet sich vor, dass man
am gewünschte Ort mit einem Hechtsprung wieder
aussteigen kann. Ägyptisch Sprachkenntnisse seinen
sehr vorn Vorteil beim reisen wurde uns gesagt, ansonsten
das einzig geeignete Vehikel um in Kairo zu reisen, wenn
Taxis zu teuer sind.
Auf einen riesigen Verkehrskreisel zufahrend sehen wir
direkt vor uns die Pyramiden – und erste schreiende
lokale Guides, die auf sich und ihre Angebote aufmerksam
machen. Schon während der Fahrt machte Nagi auf diese
oft sehr aufdringlichen Kollegen aufmerksam. Was dann
abging überstieg die Erwartung bei weitem. Es wurde
an die Türen geklopft und getreten, geschriehen und
ab und an versuchte sich einer der Tourismusanbieter
an der Karosserie sich klammernd mitzufahren. Diese
Leute kämpfen hier um ihr Brot – das wirkt so verzweifelt,
dass es Besucher beelenden kann. Unmittelbar beim
Eingang parkte Nagi das Auto und zeigte uns den Eingang
mit Eintrittskartenschalter und schärfte uns ein. Nur Karten
kaufen, durch Kontrolle gehen und bis zum Parkplatz, wo
er wieder wartet gehen. Mit keinem Menschen sprechen,
Angebote annehmen oder sonst was.
Die Pyramidenanlage und die dazugehörenden Tempel-
bereiche sind eindrücklich – vor allem, wenn man sich
die Farben der Steine dazu vorstellt. Das muss für die
damaligen Leute, vor fast 5'000 Jahren, gewaltig ein-
drücklich gewesen sein. In der damaligen Zeit begann
man in Europa erste Versuche mit Bronze zu machen,
später kamen erste Versuche mit Eisen dazu. Die Leute
lebten als Pfahlbauer an den Seerändern in sehr primitiven
und unkultivierten Verhältnissen.
In Gizeh muss es für viele der Handwerker auch sehr
primitiv gewesen sein. Aber was die Exponenten dieser
Zeit in Kairo konnten im Bereiche Steinhauerei,
Vermessung, Schiffsbau etc. ist aus meiner Sicht fast
nicht vorstellbar.
Wir haben später Bilder gesehen, wo ganz nahe an
den Pyramiden noch vor 40 Jahren deutliche Wasserflächen
erkennbar waren. Diese Wasserflächen fehlen vollständig –
sie würden den Pyramiden ein noch imposanteres Gesicht
geben, stellt man sich vor, dass sich die riesigen Bauten
im Wasser spiegeln würden.
Der Besuch bei den Pyramiden lohnt sich, der Eindruck
ist überwältigend. Mit den aufdringlichen fliegenden
Händlern, Kamelreitern, Pferdekutschern, Wasserverkäufer
muss man klar kommen.
Am Nachmittag fuhren wir zu grossen Khan-El_Khalili Bazar
in der Innenstadt. Eine farbenprächtige Gassenstruktur mit
vielen Angeboten, von Stoffen, Wasserpfeifen, Uhren,
Schmuck, Gewürze, Früchte und vieles mehr kann erworben –
oder zumindest bestaunt werden. Einfach bummelnd langsam
nach links und rechts guckend geniesst man das fröhliche
und aktive Leben in den alten Gassen. Verschiedene schöne
Gebäude zieren den Markt, so auch Wasserhäuser.
Eindrückliche Gebäude, mit in den vergangenen Jahrhunderten
von hunderttausenden von Händen ausgeschliffenen Marmorstellen
geprägt, wo mit Bechern das Wasser ausgeschöpft wurde.
Menschen und Tiere konnten sich gratis laben. Wasser als
Menschenrecht. Wir Christen sollten es nie vergessen. Wasser
dem Bedürftigen spenden ist ein unglaublich toller Glaubens-
grundsatz im Islam.
An einem Ende des Bazars trafen wir einen Fischhändler in
einer Verkaufsbox am Strassenrand, der auf einem grossen
Eishaufen liegende Fische anbot. Wir entschieden uns, im
in der Querstrasse liegenden Restaurant zu Mittag zu essen
und bekamen den besten Tisch, direkt beim Eingang des
Gasthauses. Man bummelt die El Mashrabia gegen Norden,
nach rechts biegt die Haret Darb el-Asfar ab, quasi wie mit
einem kleinen Platz. Am östlichen Ende des Platzes ist das
Restaurant, das uns zuerst eine leckere Fischsuppe danach
für Johanna und mich gegrillten Fisch, für Nagi gebackenen
Fisch, und leckere Zutaten brutzelte. Diese Arten der Fisch-
zubereitung sei traditionell versichterte Nagi und werde von
Allen gerne verspeist.
Nur wenig weiter ist das wunderschöne Haus des Harems
Bayt-el-Suhaymi zu sehen. Erbaut in der Zeit der Ottomanen.
Es bietet Einblicke in das Leben der reichen Lehrer und Händler
dieser Epoche – sowie einen Eindruck des Lebens im Harem vor
400 Jahren. Soziale Sicherheit für Frauen – aber auch Raum
und Zeit für die Konzentration auf die wichtigste Tätigkeit
einer Frau – Kinder zu kriegen. Sogar die Räume, in denen
die werdende Mutter sich auf die Geburt vorbereitete sind
bekannt. Ebenso waren den heutigen Klimageräten verwandte
Erker mit Holzgittern zu sehen. Diese Holzgitter, durch die
die Frauen von innen, den Aufenthaltsräumen, nach aussen
sehen konnten, niemand aber von der Gasse ins innere des
Harems, halfen mit, kühle Luft im Innern des Hauses zu
halten - und die heisse Luft aus der Gasse entlang der
Fassade nach oben entrinnen zu lassen. Wichtige
Angebote im Haus waren natürlich eine eigene Zisterne
für Trinkwasser wie auch eine eigene Mühle.
Eingeladen vom heutigen Haremsherrn, vermutlich
einem Historiker der das als Museum ausgebaute
eindrückliche Gebäudenesemble betreut, tranken wir im
Eingangsraum heissen zuckersüssen Tee, hörten den
Diskussionen zwischen Nagi und eben diesem Hausherrn zu –
Leute kamen und fragten – oder eben nicht. „Ein Freund von
Nagi ist auch mein Freund,“ deklamierte der Haremsherr,
„ich lade meine Freunde gerne zu Tee ein, wenn es die Zeit
zulässt“ erklärte dieser in bestem englisch.
Die Sonne begann bereits sich auf das Nachtlager vorzubereiten
als wir uns Richtung Nordtor bewegten und uns zuerst wieder zur
Marktstrasse El Mashrabia bewegten als Nagi befand: Du musst zum
Haarschneider! Nach längerem Feilschen einigten wir uns, falls
Nagi einen Coiffeur findet, der für 50 Pfund Bart und Haare
stutzen würde, ich mich auf den Stuhl setze. Auf der linken
Strassenseite, in einem kräftig rot farbigen Geschäft fanden
wir den Meister der Schere. Ich sass bald auf dem Stuhl, Johanna
auf dem besten Sessel während Nagi mit einer besseren Art
Kiste vorlieb nehmen musste. Ah, richtig, wir haben lange
keinen Tee getrunken, sicher 5 Minuten – so genossen alle
Vier erst etwas heissen Tee bevor das Werk startete. Zuerst
das Haupthaar, dann der Bart und als ich bereits dachte, nanu,
das wars nun wohl – begann es erst. Er massierte eine Masse in
mein Haar, das sich wie Honig anfühlte. Dann suchte er eine
Rolle Zwirn, die mich an Zahnseide erinnerte und benutze beide
Hände um diesen Zwirn kreuzweise um die 4 der 10 Finger zu
wickeln. Im Kreuzungspunkt des Zwirns wurde das Haar
eingeklemmt und durch die Bewegung des Fadens fast
schmerzfrei ausgerissen. Diese Haarentfernung wurde sehr
aufmerksam an Nase, Ohren zwischen den Augenbrauen
durchgeführt. Haare, die der Meister nicht mit dem Faden
entfernen konnte wurden anschliessend mit einer Pinzette
ausgerissen – in einem unglaublichen Tempo. Und lustigerweise
schmerzte es viel mehr, wenn er Haare mit der Pinzette
ausriss wie mit dem Fadenkreuz. Ich nehme an, es hat
mit dem Tempo zu tun. Mit dem Haarfön wurden nun alle
Haare weggeblasen – auf die Strasse notabene, weshalb
Johanna vom Strassenrand in den hinteren Bereich des
Geschäfts zu gehen hatte - nicht Kunden mit Haaren
anzublasen ist dann weniger schlimm. In den strassen-
abgewandten Bereich des Geschäfts musste ich auch,
um mir die Haare waschen zu lassen. Sorgfältig massierte
der Virtuose mein Haar trocken und fönte es am Schluss
kurz auf – und 50 Pfund wechselten die Hand.
Falls sich jemand in die Region verirrt, jede Person
kann nun den Haarscheider finden – und sich pflegen
und Haare schneiden lassen. Ist jemand auf dem Weg
nach Kairo – und will mit Nagi die Stadt kennen lernen,
noch in Europa Haare schneiden zu lassen wäre eine Art
Kulturverzicht.
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Polarlicht




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BeitragVerfasst am: 09.03.2013, 09:50    Titel: Das Wochenende in Ain Sohkna

Wochenende in Ain Sokhna

Fliegt man nach Ägypten, geht es an den Sandstrand,
zumeist vermutlich. Wiewohl das nicht eben mein Hobby
ist, 2 Tage halte ich das Nichtstun aus. Als ich im Facebook
ein Bild des Strandes mit den Liegepritschen und Sonnen-
schirmen upgeloadet habe kam recht bald der Bildkommen-
tar aus Wien: Alles ok bei Dir?
Im Gegensatz zu den Schweizer Präzisionsuhren besitzenden
Europäer war Said, der ägyptische Taxifahrer pünktlich vor
der Haustüre. Während meine Damen Wangenrouge und
Lippenrot auftrugen und sich auf das malen der Fussnägel im
Sand vorbereiteten joggte ich 4 Stockwerke runter zu Said,
um ihm zu erklären: We are late, sorry! No problem! meinte
Said, is not too cold for waiting. Er trug wie schon bei der
Fahrt vom Flughafen eine Lederjacke mit Reissverschluss,
wunderschön Lammfellgefüttert Den Jacken Kragen kann
er hochklappen, was er nun, sich auf langes Warten
vorbereitend, tat. Die Jacke ist genial. So etwas, nur
etwas länger bis über den Po habe ich so im Mai bei
Frühjahrs-Hundeschlittenfahren schon vermisst. Wir müssen
ein lustiges Strassenbild gegeben haben. Ich im Kurzarm
T-Shirt und er in der Felljacke. Ich hatte schon schön
warm, während Said sichtlich eher fror.
Nebst Kinderwagen und Reservekannister hatten
unsere drei Reisetaschen gut Platz im Kofferraum und
wir fuhren los Richtung Autobahn an das Rote Meer.
Richtung Osten. 84. Strasse nach Nordosten, zum Moustafa
Kamel, rechts ab auf die 205. Strasse, erste Möglichkeit
zum U-Turn nehmen, auf die rechte Spur drückend zur
Abfahrt auf die Autostrada. Knapp 100 km zum Sandstrand.
Said, wie immer sehr sorgfältig auf den Strassen, fährt
mit vielleicht 90 bis 100 km/h, wir sitzen mitten auf der
Strasse, während tolle Autos, die man im Stadtzentrum
von Kairo weniger sieht, an uns links und rechts vorbei
rauschen. BMW, Mercedes, Audi, aber auch grosse Wagen
japanischer Firmen. Zu Beginn ist der Spurtrennstreifen
noch mit einer Reihe Alleebäumen bepflanzt. Ab und an
stehen Polizisten oder Militärs herum, die Pausenplätze
für müde Fahrer wirken wie neo-griechische Tempel,
was auf mich fast erheiternd wirkt.
Bei der Abfahrt am Meer links Richtung Suez und bald
taucht meerseitig das Tor zum Palmera Beach Resort
auf. Ein Tor mit Schranke und vielen schwarz gekleideten
Wachmännern die den Personalausweis des Fahrers
sehen wollen, schreiben Nummer des Autos in ein Buch
und lassen uns dann in den geheimnisvollen Bereich fahren.
Einen Kilometer lang unfertige Appartements, es fehlen
noch Fenster und Türen – auch etwas Innenausbau wäre
für Ferien ganz nett. Und dann ein grosser Abstellplatz
vor der Rezeption des Hotels.
Der Zugang zum Hotel ist gesichert wie im Flughafen,
man muss durch die Schranke. Es piepst und leuchtet
wie wild, der Sicherheitsmann steht daneben strahlt
ob seiner Musik- und Lichtshow und bedeutet schnell
weiter zu gehen. Er will sich schliesslich wieder setzen.
Auf den ersten Blick sind in der Wartezone zum eichecken,
auf 4 Kolonnen aufgeteilt recht viele europäisch aussehende
Menschen. Und man wartet. Antje trifft auf Kolleginnen
der Schule, des Chor und der deutschen Bastelgruppe
Kairo, es gibt auch englisch sprechende Wartende und
Johanna erklärt die Grundzüge der finnischen Sprache.
Babylon ist ja nicht weit.
Ich kriege, nachdem Antje alle Formulare ausgefüllt hat,
mit einem langen Augenaufschlag des Receptionsmeisters
den Schlüssel zum Appartement mit 2 Zimmern und
Wohnraum. Man hört fast, was der Chef denkt: Was
macht dieser Gast nun mit 2 Blondinen? Das Appartement
ist riesig, es hat wirklich 2 Schlafzimmer mit 4 Betten,
3 Baderäume und eine kleine Küche. In der Küche ist
allerdings nicht einmal eine Tasse oder eine Pfanne um
Tee zu kochen. Aber gleich neben an ist das Restaurant,
das offen ist. Immer lecker ist türkischer Kaffe,
zumeist ist recht viel Kardamon im Pulver, was ich liebe.
Nie falsch sind die lokalen Tee. Die gibt es mit dem europäischen
Teebeutel oder das Teekraut gekocht im Wassertopf, was
einen starken Tee ergibt, den Europäer eher selten lieben.
Zucker gibt es in Tüten. Ab und an wird Candiszucker gereicht
– ganz lecker sind Teeschalen aus Metall in denen, vor Wasser-
zugabe der Zucker gebrannt wird. Immer zu empfehlen sind
die Fruchtsäfte. Die werden meist frisch gepresst – und oft
sind es zwischen 2 und 3 dl. Lecker ist auch ein kaltes Getränk
aus Zuckerrohr, das ich allerdings nur einmal von Nagi empfohlen
getrunken habe. Nicht einmal so süss – aber sehr lecker und durstlöschend.
Wir bummeln zum nahen Strand ziehen Liegen an einen wind-
armen Platz und beginnen die harte Arbeit des sich braten lassen.
Dafür muss Sonnenschutztuncke eingerieben werden. Ich habe
dazu meine norwegische Wintersonnenmilch mitgenommen,
die man auf die Handflächen sprüht und dann mit den nassen
Händen den Restkörper massiert. Ringsherum ein paar spielen-
de Kinder –eines stürzt auf mich zu und fragt: Was hast Du da?
In bestem Deutsch notabene. Sonnenöl! Ahhh, nur!
Während sich meine beiden Damen, kritisch beäugt vom
Strandbarkeeper, sich dem mitgenommenem Lesestoff,
2 Ausgaben eines englischsprachigen Heftchen zuwenden
mit dem Thema, wie sich der ägyptische Mann erfüllenden
*** vorstelle, gehe ich zum Strand um zu schwimmen. Es hat
recht viel Wind – schon nach wenigen Metern ist klar, es ist
Ebbe – und somit Wind und Strömung etwas beachten. Das
Wasser ist um die 20°C, nettes Schwimmwetter - ich geniesse
Wellen und Wasser.
Wenn es dunkel wird, wird es kühl – und so ziehen wir uns
im Appartement um für das Abendbrot. Ein grosses Buffet,
mit internationalen Speisen und lokalen Spezialitäten. Erst
hier fällt mir auf, dass eigentlich Platz ist für viel mehr Gäste.
Ganze Bereiche der Buffetzone sind ungenützt und freie Sitze
sind in jeder Menge zu haben.
Nach dem Essen sind Disco und Bazar geöffnet, während die
Disco laute Musik erschallen lässt – kein Tanzpaar dreht sich
zum Takt, an den Seiten in den Ledersesseln wird nicht mal
geschmust – ist der Bazar voll von Kindern. Nebst Zigaretten
sind vor allem Süssigkeiten aller Art zu haben. Die armen Eltern,
die sich hier der sich aufbauschenden Wünsche der Kinder
erwehren müssen. Die Preise sind eher hotel- wie familienfreundlich.

Am Frühstücksbuffet ist wieder ein breites Angebot an Speisen zu
bekommen. Auch ein Koch mit einem Gaskocher steht bereit und
nach Wahl, auch der Gewürze, brutzelt er leckere Omeletten und
Spiegeleier mit Speck. Brot, Käse, gekochte Eier, Konfitüre und
was das Herz des Europäers begehrt sind in Unmengen vorhanden.

Das Hotel bietet viele Attraktionen für Gäste an. In booking-dot-com
zum Beispiel ein umfangreiches Angebot an Wassersport, Fitnesscenter
und einen Minizoo für Kinder. Wassersport beschränkt sich auf
schnorcheln mit der mitgebrachten Taucherbrille und fischen,
wobei man auch da die Utensilie mitbringen muss. Dazu hat es
einen Wasserscooter, der eine Schwimmbanane zieht und diese
regelmässig kippen lässt, was lustig sein muss. Das Fitnesscenter
war noch geschlossen, als ich es ansehen wollte, Öffnungszeiten
sind offenbar geheim – auf jeden Fall nicht angeschrieben.

Heute ohne Wind – und Flut – macht das schwimmen noch viel
mehr Spass, das Wasser wirkt auch wärmer – es sind trotzdem
kaum Menschen am richtig schwimmen. Man plantscht und legt
sich wieder unter den Sonnenschirm. Ferien, Urlaub, was willst
Du mehr ☺.
Um 10 vor fünf treffen wir Taxifahrer Said, wieder in seine warme
Jacke gehüllt, beim Hoteleingang – und er fährt zurück. Noch auf
der Autobahn beginnt der Verkehr zu stocken. Said weiss nicht
wieso, ist genervt und wirkt etwas nervös. Nächster Kunde der
wartet? Auch andere Fahrer wirken etwas genervt, was zu einigen
Karrosierieküssen führt – auch Said und ein anderes Taxi berühren
sich gegenseitig, was dem anderen Taxifahrer Blut in den Kopf
steigen lässt. Eine genaue Übersetzung ist nicht möglich, ich habe
trotzdem das engagiert geführte Gespräch genau verstanden. Als
sich der Kunde des anderen Taxis auch noch lauthals einmischt
versuche ich den Trick, der in Amerika bestens funktioniert: Man
schimpft in der eigenen Sprache zurück. Ich brülle den anderen
Taxifahrer in Schweizer Deutsch an, was diesen einen erstaunten
Ausdruck annehmen lässt – und er resigniert die Scheibe hochkurbelt.
Seiner Mimik nach ist zu erkennen: Unbelehrbar diese Ausländer!
Said strahlte.
Zu Hause angekommen hören wir am Fernsehen, dass der neue US
Aussenminister John Kerry in Ägypten sich Herrn Mursi vorstellte,
was zu heftigen Demonstrationen auf dem Tahrirplatz führte. Nebst
Demonstrationen der Moslembrüder gegen die USA und der säkularen
Politiker gegen 240 Millionen US Dollar Soforthilfe aus Amerika ist
gleichzeitig eine Demonstration gegen sexuelle Übergriffe auf
Frauen, die sich weigern den Schleier zu tragen. Gemäss TV News
hat der Verband der Bäckermeister Streikaktionen angedroht. Die
Regierung schuldet den Bäckern die Brotsubvention seit 6 Monaten,
was ungefähr 60 Millionen US Dollar entspreche. Nestlé teilt mit,
dass die Mineralwasserabfüllanlage gebrannt habe – und bis die
Anlage wieder funktioniert einige Zeit vergehen werde. Möglicher-
weise werde es zu Lieferengpässen kommen. Aus Port Said
werden live Bilder einer Demonstration gezeigt, die Tränengas-
schwaden sind in den Scheinwerferlichtern der Fernsehanstalten
deutlich zu sehen. Die Regierung Mursi kaufte in den Vereinigten
Staaten im Sinne einer Notmassnahme für 1.5 Millionen Dollar
dringend benötigtes Tränengas. Dieses Tränengas sei nötig,
um „outlaws“, also Leute ausserhalb der Gesetze, im Zaum
zu halten. Eine Massnahme zur Erhaltung der Demokratie sei
dies habe die Regierung erklärt.
Einen schönen Abschluss des Wochenendes bietet ein feiner Kaffee
mit etwas finnischen Wodka und Schweizer Schokolade – und die
Feststellung: Lebt man in Maadi oder in anderen ähnlichen
Quartieren: Man kriegt von den Unruhen im Stadtzentrum eigentlich
nur dank den Verkehrszusammenbrüchen etwas mit. Gute Nacht.
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BeitragVerfasst am: 10.03.2013, 10:11    Titel: 4. Tag - 3 Religionen mit dem alten Testament

4. Tag – 3 Religionen mit dem alten Testament

Huup, Huuuup, Huuuup, was Johanna veranlasst, blitzschnell
in Nagi’s Auto zu steigen. Das war gar nicht angesagt, das
Ziel war wohl eher, Johanna zu einem herumblicken zu
verführen. Es hat nicht sooo viele Blondinen auf den Strassen
Kairos. Heute sind Besuche in der hängenden Kirche El Muallaqa,
in der Synagoge Ben Ezra sowie dem nahe gelegenen Sultan
Hassan Moschee die mit der im Baustil an die direkt daneben
liegende angepassten al Rifa’iMoschee, heute würde man
historisierend dazu erklären.
Die Fahrt in die Innenstadt gibt Zeit, etwas über die drei auf
dem alten Testament basierenden Religionen nachzudenken –
und wieviel Not, Elend, Krieg und Tod diese drei Religionen
untereinander angestiftet haben. Was verbindet denn die drei
Religionen? Alle glauben an Abraham, dem Stammvater der
Monotheistischen Religionen, Issak ist der Stammvater der
Juden, Jakob der Christen und Ismael der Moslems.
Die Thora der Juden enthält das alte Testament (Moses), die
Bibel der Christen enthält das alte Testament und das neue
Testament (Jesus) und der Koran enthält die Bibel sowie die
Offenbarungen (Mohammed). Und im Koran eine Aussage,
den wir Alle nie überlesen dürfen:
Mohammed erklärt die Juden und Christen zu Freunden der Moslems!

Aktuell, so seit 30 Jahren, wird die Geschichte des Monotheismus
bei katholischen Kirchenhistorikern heftig diskutiert. Die Bundeslade,
die die Könige Saul und David auf ihren Reisen und Kriegen mit-
geführt haben, wird als Holzkiste beschrieben, in der 3 Steine
gelegen haben sollen. Solche und ähnliche Altare seien nicht
unüblich gewesen im damals fruchtbaren Zweistromland zwischen
Euphrat und Tigris, wo gemäss dem alten Testament das Paradies
gewesen sein soll. Man wollte die gut gesinnten Götter auf Reisen
und Kriegen mitführen und hat quasi transportable Altare und
Götterdarstellungen gebaut um zu profitieren.
Die vielen einzelnen Fakultäten zugeordneten Göttern, quasi
die Minister des Guten, wurden im Laufe der Jahrhunderte
etwas systematisiert, es brauchte nur noch wenige Götter.
Die in der Bibel erwähnten die drei Steine, wurden in einer
übergeordneten Macht gezeigt, mit der Holzkiste symbolisiert.
Daraus entstand vielleicht, so die Spekulation, später die den
Christen wichtige Dreifaltigkeit mit Vater – Sohn und heiliger
Geist. Und die umschliessende Kiste stelle den einzigen Gott
dar – an den Juden, Christen und Muslime glauben.
Derweil ich etwas träumte fuhr Nagi sein Auto in den Nähe
der hängenden Kirche und parkte. Auf dem Weg ein paar
Händler die gerne Ware an Touristen verkaufen wollten.
Nagi kannte einen der Händler, der uns einlud, bei Rückkehr
einen Tee in seinem Geschäft zu trinken – und wir vereinbarten,
dass wir Postkarten und eine Strassenkarte kaufen wollten später.
Auf dem Weg zur Kirche begegnete uns auch das Fort Babylon der
Oströmer (Konstantinopel), das um 640 nach 7 monatiger
Belagerung durch die ägyptische Armee unter Amr ibn al-As zur
Aufgabe gezwungen wurde. Seit diesem Verlust ist Ägypten im
Grundsatz islamisch.
Der Zugang zur hängenden Kirche die der koptisch christlichen
Religionsgemeinschaft angehört führte durch ein paar Gassen,
in denen kurz vor der Kirche ein Schattendach gehängt war, unter
dem Bilder und andere Dinge erworben werden konnte. So zum
Beispiel Fotografien der Pyramiden, auf denen deutlich grosse
Wasserflächen zu sehen waren – was den Einbau der Sonnenbarken
in die Mausoleen verständlich machte. Nach einer Art Portikus
betrat man einen offenen Innenhof, aus dem über eine riesige
Treppe die Ebene der Kirchenräume erreicht werden konnte.
Der Kirchenraum als solcher entspricht einem dreischiffigen
Raum mit Apside, wie er auch in den ältesten Kirchen Europas
zu erkennen ist. Auch diese Kirche ist eine Meisterleistung der
Baukunst und der Gebäudeverzierung. Spannend auch die
farbigen Gläser, mit denen Tageslicht in geheimnisvoller Art
für die Gläubigen den Kirchenraum beleuchtete. Die hängende
Kirche heisst so, weil sie auf Pfeilern eines babylonischen
Stadttores steht, die Kirche quasi zwischen diese Torpfeiler
geklemmt wurde und der daraus entstandene Raum sei auch
als Zisterne verwendet worden. An wenigen Stellen kann man
in den beleuchteten Hohlraum hinuntersehen.
Johanna wusste, dass es sehr alte koptische Kirchengesänge
gibt – und wollte gerne eine CD davon haben. Und fand eine
DVD, auf der die Kirche mit Musik auf Video gezeigt wurde.
Mit Nagis Hilfe versuchte Johanna einer Verkäuferin den Wunsch
klar zu machen. Ja, klar haben wir das, meinte die junge Dame
und verschwand im Inneren des Geschäfts – und kam mit einer
CD-Kassette wieder raus. Kostet 15 Pfund. Die CD war bunt
bedruckt und wir konnten keine Hinweise auf den Inhalt lesen
oder erkennen.
Bei Antje hörten wir am Abend die CD und waren bass erstaunt.
Die CD enthielt Negrospirituals gesungen in koptischer Sprache
und begleitet im amerikanischen Stil und mit ägyptischer Zusatz Begleitmusik.
Nur um zwei Ecken ist die Synagoge Ben Ezra. Ein im Grundaufbau
und Gestaltung mit der hängenden Kirche vergleichbarem Sakralbau.
In der Innenausstattung jedoch sichtbar jüdisch beeinflusst. Auch
hier sind die farbigen Glaslichter gegen die Sonne und erzeugen ein
spannendes Lichtspiel im Rauminnern. Hinter der Kirche ist ein
Schacht zu sehen, direkt über dem Nil, gemäss der Sage soll genau
hier Moses in seinem Schilfboot gelandet sein. Ebenso ist vermutlich
ein Teil der alten Stadtmauer von Babylon zu sehen. Ob diese Mauer
wirklich so alt ist – oder ob sie später aus religiösen Gründen
aufgebaut wurde ist unklar.
Der Kollege, der zu Tee geladen hatte, hatte eben Mittagspause,
so dass wir direkt zum Auto bummelten und zur Sultan Hassan
Moschee fuhren.
Auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang zeigte uns Nagi eine
weitere Spezialität. Ein Getränk aus Zuckerrohr, leicht schäumend,
sehr durstlöschend, war in einem Strassenrestaurant Becherweise
zu kaufen. Sehr empfehlenswert!
Die Scheich Hassan Moschee war zu ihrer Zeit die grösste Moschee
der Welt. Der Bau begann um 1358 und wurde gemäss Quellen
nie wirklich vollendet. Der Aufbau der Moschee entspricht nicht
genau den traditionellen Grundlagen des Moscheebaues, so ist
der Grundriss unregelmässig und besitzt eine umschreibende
Grösse von 65m mal 150 m. Über den imposanten Eingang und
einer grosszügigen Treppenanlage erreicht man die Höhe des
Innenhofes, genau quadratisch gebaut mit der rituellen Wasch-
stelle. Aus diesem sind 4 Türme erschlossen, in denen die vier
Lehren der Auslegung der Scharia studiert wurde. Dieser Lichthof
ist sehr faszinierend, sehr präzise gebaut und deshalb ist auch die
wuchtige Dekoration nicht übermächtig. Im hintersten Raum der
Moschee ist das Mausoleum. Hier liegt jedoch nicht Scheich
Hassan sondern seine beiden Söhne begraben.
Gleich neben der alten Scheich Hassan Moschee steht die Ali Rifai
Moschee. Ein rund 500 Jahre später erbautes Gebäude, im Stil der
Hassan Moschee. Hier sind die Mausoleen des letzten ägyptischen
Königs Faruk wie des iranische Schahs Reza Pahlewi. Zum Essen
wünschten wir uns Fleisch. Nagi geleitete uns ganz nahe in die alte
Hauptstadt mit vielen engen Gässchen – hier lernten wir auch wie
unter engen Parkverhältnissen geparkt wird. Man stellt das Auto hin –
und lässt Handbremse und Gang offen, so dass die Parkwächter
bei Bedarf das Auto schieben können. So können auf einem Platz,
auf dem in Europa 2 Autos stehen würden bis zu 5 stehen, was die
Knappheit an Parkplätzen zwar nicht beseitigt – aber lindert. Feine
Vorspeisen liessen die Wartezeit zum Entenbein verkürzen. Das
Leben in der engen Gassen, umgeben von vielen anderen
Strassenrestaurants, der Brotbäcker gleich gegenüber und
der Marktschreier etwas weiter vorne war faszinierned bot eine
tolle Geruchs- und Lärmmixtur, die man einfach erlebt haben muss,
um eine Eindruck von der Lebensfähigkeit der lokalen Bevölkerung
zu erahnen.

Auf der Rückfahrt durchfuhren wir eine der Totenstädte. Hier leben
Menschen in Häusern, die zu Ehren der Toten, eine Art Familien-
mausoleen, gebaut wurde. Wohnraum ist knapp in Kairo – es wird jede
Möglichkeit genutzt, halbwegs vernünftig zu leben. Auch in der
Totenstadt sind Geschäfte am Strassenrand, die weissen Minibusse
fahren Fahrgäste hin und her, ein Leben wie anderswo in Kairo.
Trotzdem und leider wirken die hier lebenden Menschen eher sehr
ärmlich und teilweise verwahrlost. Ich glaube, hier erleben wir eine
der untersten Stufen der sozialen Leiter in Kairo.

Am Abend Besuch des Café Mo, gleich um die Ecke. Ein Lokal, im
Untergeschoss, sehr europäisch ausgestattet und mit europäischen
Preisen. Sehr elegante Ambience und aufwändige Menukarten-
gestaltung. Wir bestellen Fruchtsäfte, Couscous Vorspeise und
Hähnchenstücke mit Salat, zwei Vorspeisen. Die aufgetragenen
Speisen waren wirklich lecker, die Säfte wunderbar. Der Eindruck,
was sich die vermögenden Menschen in Kairo leisten – leisten
können, war sehr eindrücklich nach der Durchfahrt durch die
Totenstadt. Trotzdem, auch dieses Erlebnis ist Teil von Kairo heute.
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hurghada2004




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BeitragVerfasst am: 10.03.2013, 11:24    Titel:

Hallo, Heiner - und natürlich Nagi / als Reiseführer / -

ich habe Deine vorliegenden Berichte über Euren Kairo-Trip gelesen.
Kompliment - schön, anschaulich und lebendig geschrieben.

Ich habe im Januar 2011 mit meiner Großnichte zwei Tage lang sowie
mit meiner besten Freundin im Dezember 2012 nochmals zwei Tage einen Kairo-Trip mit Nagi als Reiseführer erlebt.

Vieles in Deinen Schilderungen kann ich jetzt NOCH besser nachempfinden.
Kairo ist ein Geschichtsbuch ohne Anfang und ohne Ende. Jahrtausende alte Kultur(en), drei verschiedene Religionen, Tausende von Bauten, abgesehen jetzt mal von den Pyramiden, geben den Hintergrund für dieses Monstrum von Stadt ab.....

KAIRO LIEBT MAN - ODER MAN HASST ES - ich liebe diese hässliche, herrliche und unbeschreibliche Riesenmetropole.

Bitte weiter so.

Viele Grüße
hurghada2004
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Ich bin ich - glücklich, dass ich seit 30 Jahren die Welt - einschl. Ägypten jetzt 50mal - erkunden durfte und immer noch dazu lerne - durch Menschen anderer Nationalität - Kultur - Religion ...
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Polarlicht




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BeitragVerfasst am: 10.03.2013, 16:42    Titel: 5. Tag Der Spaziergang durch unser Quartier Maadi Degla

5. Tag Der Spaziergang durch unser Quartier Maadi Degla

Rund 5 Fussminuten von Antjes Wohnung ist eine amerikanisch-
europäische Bäckerei. Die besuchte ich gegen 9 Uhr und betrach-
tete das Angebot. Überraschend war das grosse Angebot an
Vollkornbroten und Brote mit Roggen und Dinkel. Ich hatte den
Auftrag, kleine Weissbrote in Portionengrösse zu kaufen.
Nach dem Frühstück, üppig und lecker, begannen wir zu Fuss
unser Quartier zu durchlaufen. Zu Fuss kann man eine kleine
Stadt besser kennen lernen.
Wir besuchten Lebensmittelläden, Kleiderläden, Elektrofachgeschäfte,
Interet und Telefonanbieter. Wir lernten enge Strasse und sehr arm
wirkende Bereiche, wo plötzlich der Pomp der Strassen mit grünen
Gärten sehr eng wird – und die Leute immer einfacher gekleidet
werden.

Die Beschreibung ist etwas heikel, weil wir uns einfach trieben
liessen. Aufällig ist das Gehupe das man auslöst, wenn man
Strassen überquert – und nicht von Autos, die man beim gehen
in der Fahrt stört. Niemand erwartet, dass man auf das hupen
reagiert.

Das Mittagessen nehmen wir im kleinen Kaffee ein, das oben
in der Bäckerei vorhanden ist. Zwei einfache Menus werden
angeboten, einige Süssigkeiten und natürlich Brot.

Am Abend stellen Johanna und ich eine Art Buffet zusammen,
so dass Tillmann und Antje, wenn sie von der Arbeit kommen,
sich an einen reich gedeckten Tisch setzen können. Da sind
Leckereien aus der Schweiz und Finnland, aber auch aus
Deutschland und Aegypten auf dem Tisch.

Nach einem langen Abendmahl klettern wir gemütlich und
satt zu Bett und geniessen den Schlaf.
Die Beschreibung des Tages erscheint vielleicht etwas langweilig -
es gab aber einen Eindruck des Üblichen, des normalen Arbeitstages
in einem reichen Quartier Kairos.
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Littleburni




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BeitragVerfasst am: 12.03.2013, 16:45    Titel:

Prima der Bericht. Auch wenn ich das so oder so ähnlich auch schon alles erlebt habe (was soll sich schon groß in Kairo ändern Laughing ), lese ich den Bericht total gerne. Das eine oder andere vermisse ich natürlich noch. Aber der Bericht geht ja hoffentlich noch weiter. Ich denke aber mal, dass auch ihr nicht im Al Azhar Park ward. Schade schade. Nächstes mal...

In Ain Sukhna war ich mal 1988 als Geheimtipp meines Taxifahrers. Da gab es da nichts ausser Strand. Vor 2 Jahren hab ich das dann nicht wieder erkannt. Alles bebaut. Furchtbar...
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Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind (Kurt Tucholsky)
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BeitragVerfasst am: 13.03.2013, 06:59    Titel: Es geht noch 2 Tage und eine Nachlese weiter

Es geht noch zwei Tagesberichte und eine Nachlese weiter.
Im Büro brummt es eben heftig - und so kann ich nicht
schreiben zur Lust.
Heute Abend komme ich erst gegen 23 Uhr nach Hause.
Aber vielleicht am Donnerstag geht es weiter . .

Heiner
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BeitragVerfasst am: 14.03.2013, 20:38    Titel: 6. Tag Zitadelle und Höhlenkirchen

6. Tag Zitadelle und Höhlenkirchen

Wau, knurrrrrrrrr, wau wau wau knrrrrrrrr, fletsch . . . .
schon am Vorabend sind die Strassenhunde wie die Wilden
aufeinander losgegangen – wieso ist mir nicht ganz klar.
Am anderen Morgen hat sich die Ruhe zwischen den
Strassentieren nicht gelegt. Für Leute wie Johanna, die
Angst vor Hunden haben, eine eher unangenehme Situation.
Um 10 Uhr treffen am Eingang zum American College mit
dem Ziel, zuerst in die Muhammed Ali Moschee auf der Zitadelle
und danach in die koptische Höhlenkirche zu reisen. Muhammed
Ali, irgendwie ist mir der Name bekannt, woher wohl? Ja, klar,
Cassius Clay nannte sich Mohammed Ali, als er sich nicht mehr
mit dem Sklavennamen ansprechen lassen wollte. Wusste der
20. Jahrhundert Ali von seinem Vorfahr aus dem fernen Albanien,
der in Aegypten im frühen 19. Jahrhundert zu einem der
effektivsten Fremdherscher Aegyptens aufstieg. Muhammed
Ali Pascha, geboren 1769 in Kavala, Albanien, gestorben 1849
in Alexandria. Mit einem Blutbad um 1800 , während einer Party
in seinem Palast, unterstützt von seinen albanischen Elitesoldaten,
an den vornehmen und reichen Mameluken, sicherte sich
Mohammed für rund 4 Jahrzehnte die Macht. Eine unglaublich
lange Zeit in jener Epoche Ägyptens.
Eben beim ersten Eingang in den Bereich der Zitadelle trafen
wir Tillmann, Antjes Lehrerkollegen der auch in ihrer Wohnung
wohnt.. Er war mit seiner Klasse auf Klassenfahrt. Die Klasse
mit Lehrer und Begleiter waren eben am verlassen der Zitadelle
um zum al Azhar-Park zu fahren.
Wir bummelten zur Alabastermosche und begannen den Vorhof
zu betrachten. Der Stein Alabaster ist im Licht und im Schliff sehr
faszinierend. Die Zitadelle wird über einen alten Äquadukt mit
Wasser versorgt, das in eine Zisterne unterhalb des Waschhauses
geführt wird. Es ist möglich, über eine Art Schacht das Echo aus
diesem Kanal auszulösen – sei es mit einem Schrei, oder einem
netten Liedchen.
Die riesige Moschee wird jeden Besucher beeindrucken. Eine
Beschreibung ist mir kaum möglich. Aber ich empfehle, eine
lange Stunde ganz still die Eindrücklichkeit des Raumes auf
sich wirken zu lassen.

Nach der Pracht der Historie war der nächste Besuchspunkt
Manshiyat Nasser oder besser bekannt unter Garbage-City
ein krasser Kontrast. Niemand weiss genau, wer hier wohnt,
geschweige denn wie viele hier wohnen. Das Elendsquartier
liegt in Fussdistanz zur Alabstermoschee. Angeblich sammeln
und sortieren vor allem Mitglieder der koptischen Glaubensgruppe
den Abfall der riesigen Stadt Kairo. Aber in diesem Abfalltrennbezirk
leben nicht nur Kopten, wie einzelne Freikirchn in Europa gerne
behaupten. Wir haben auf unserem Streifzug durch das Quartier
auch eine Moschee gesehen – was gerne verschwiegen wird.
Hat man sich erst einmal an den Gestank der liegenden Abfall-
berge und die Menge an Menschen gewöhnt, kann man beginnen,
etwas herum zu sehen. Man erkennt, dass in einem Haus Plastik-
schläuche aus dem Abfall sortiert werden, im nächsten vielleicht
Karton, schliesslich Papier oder Deckel aus Metall. Irgendwie geht
der Abfallrest dann zur nächsten Gruppe, die dann wieder ein
Produkt, ein Sammelgut, aus den riesigen Bergen sortiert. Diese
sichtbaren Sortiergruppen sind mehrheitlich Frauen allen Alters
sowie Kinder. Auffällig ist, dass sich die Frauen trotz schmutzig
machender Arbeit bemühen, ihre Kleider, geschmückt mit allerlei
glänzenden Verzierungen, so sauber wie nur irgend möglich zu
halten. Sie schreiten stolz und selbstbewusst durch die engen
Gassen, die teilweise mit richtig tiefen sumpfigen oder gar
nassen Spuren von Auto, LKWs und Eselkarren gefurcht sind.
Der Verkehr ist furcherregend, die Strassen sehr eng, die Leute
in den Fahrzeugen, aber auch die Fussgänger, meist mit ellenlanger
Geduld. Massiv überladene 3,5 to. Fahrzeuge, ich schätze mal bis
4m hoch beladen, versuchen sich in den engen Kurven zu kreuzen
und beginnen sortierte Reststoffe der Verwertung irgendwo
zuzuführen oder bringen neuen Abfall oder fahren teilsortierten
Abfall zur Weiterbearbeitung.
Von Geld, das durch die Reststoffe gelöst werden kann wird
irgendwie das ganze Quartier ernährt. Es ist für mich nicht klar,
wie die Geldverteilung funktioniert. Es fällt auf, dass im Quartier
einige elegant westlich gekleidete Herren herum gehen, die wohl
einen grossen Teil des Erwerbs für sich beanspruchen. Es muss
in diesem Stadtteil auch zumindest wohlhabende, wenn nicht reiche
Personen geben. Trotzdem wirken viele der Menschen eher
bettelarm. In diesem Stadtteil gibt es wie in den Totenstädten,
Restaurants, Geschäfte aller Art, Bäckereien aber auch Juweliere,
Haarschneider oder Tuchhändler. Alle Leute wirken geschäftig und
aktiv, sei es am flanieren – oder beim Abfall sortieren.
In diesem unglaublichen Schmutz des Stadtteiles fällt es auf,
dass man trotzdem jederzeit hier ein Gasthaus besuchen könnte –
oder in einem Geschäft etwas kaufen, wie sonst irgendwo in Kairo
auf einem Bazar.
Ganz oben im Quartier sind die Höhlenkirchen. Die lange Anfahrt
durch Nasser City lässt nicht viele Touristen hochfahren. Für die
Besichtigung der Höhlenkirchen stand ein koptischer „Dienstbeflissener“
mit grauenvollem Englisch zur Verfügung. Die Höhe, in der die
grosse Kirche ist, war früher voll mit Abfall gefüllt. In den später
1990er Jahren wurde diese Höhe geräumt – dazu auch einige
kleinere Höhlen. Die Geschichten und die Kunstwerke die zu
sehen ist überzeugt wenig. Wirkt kindlich bis kindisch, die grosse
Höhle mit über 10'000 Plätzen angeblich wirkt jedoch schon
beeindruckend riesig.
Von der Aussichtsplattform der Höhlenkirchen kann man das
Häusermeer Nasser City überblicken. Die Strassenschluchten
sind so eng, dass man nichts von dem, was auf den Strassen
abgeht, erkennen kann. Hingegen sind über vielen Häusern
quasi Türme aufgebaut. Und quasi oben mit einer Art Baumhütte
abgeschlossen. In diesen Häusern werden Vögel gezüchtet. Tauben
und Perlhühner, wenn ich die Worte des Kopten verstanden habe.
Diese dienen als Fleischgrundlage für die Bevölkerung – und sind
Teil, wichtiger Teil der Ernährung.
Die Rückfahrt durch das Abfalldorf ist spannend und deprimierend.
Die Bilder sind mir noch im Kopf. Die Frage, ob man mit Nagi in
diesen sehr speziellen Bereich von Kairo soll ist nicht klar zu
beantworten. Will man sich bewusst mit dieser sehr speziellen
Industrie auseinander setzen kann es sich lohnen. Die Höhlen-
kirchen als solche sind den Besuch kaum wert.
Wir haben mit Nagi besprochen, nach Fisch und Fleisch heute
vegetarisch zu essen. Zwischen Alabastermoschee auf der
Zitadelle und der Scheich Hassan Mosche führte uns unser
Guide in ein Strassenrestaurant, das im Grundsatz 2 Menus
führte. Wir haben äusserst lecker gegessen, 2 volle Portionen
nach Haue mitgenommen und nebst 3 Tees auch noch 3
Mineralwasserflasche geleert. Das hat für alle 3 Personen
cirka 5 Euro, 50 ägyptische Pfund gekostet. Nach dem Besuch
in Nasser City war die Durchfahrt durch die Totenstadt ein
anderes Erlebnis. Viel weniger urban, weniger dicht besiedelt
wirkend. Ob es so ist weiss ich nicht.
Am Abend beim Abschied haben wir etwas geplaudert, was
und wie weiter. Aus meiner Sicht habe ich in einer Woche Kairo
ein sehr breites Spektrum an einzelnen Punkten gesehen. Eine
Übersicht über die Stadt hingegen nicht. Aber das ist kaum
möglich. Johanna und ich sagten Nagi ganz herzlichen Dank –
und er sauste in seinem gut erkennbaren Auto Richtung Heliopolis.

Mit Antje bummelten wir später in die Cairo Kitchen. Eine
Selbstbedienungsrestaurant bietet lokale Speisen an. Ich
bestellte geminztes Fleisch mit Reis, die beiden Damen Hähnchen
und gemischtes Gemüse. Beide Menus rochen wunderbar –
meines schmeckte grossartig. Den Kaffee tranken wir bei
Antje in der Wohnung, sassen auf dem Balkon du genossen
die frische Nachtluft.
Noch immer haben sich die Strassenhunde nicht geeinigt,
fletschen die Zähne, knurren und kämpfen wohl um Reviere.
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nagi




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BeitragVerfasst am: 14.03.2013, 23:50    Titel:

Lieber Heiner,

vielen herzlichen Dank für den Bericht. Als du mir das erste Mal eine Mail geschickt hast, und ich deine Schreibkunst bewundert und sehr literarisch gefunden, und dir das beim ersten Treffen in Kairo wiederholte, hast du gesagt, dass alle Schweizer so schön schreiben können. "Die Schweizer sollen weiches Deutsch als die Deutschen schreiben" hast du gesagt. Ich meine, und denke auch, dass anderen, die hier mitlesen würden dir auch deine Schreibkunst bestätigen, und dass du auf jeden Fall schön schreiben kannst. Wie deine Mails habe ich auch deinen Bericht sehr gerne gelesen, und jeden Tag deine Erzählung zum Tagebuch erwartet. Es war so spannend wie eine Fernsehserie.

Wie dein Schreiben sind auch deine Geschichten über die Länder Nordeuropas, hoch interessant. Ich habe dich sehr gerne gehört, wie du über die schweigenden Männer Finnlandes, die leckeren Fischgerichten von Norwegen, und die Nächte die keine Nächte sind, die Tage, die keine Tage sind, sowie die Geschichten der schönen Frauen im Norden sehr genossen.

Das Mann mit den Bären nicht spielen darf, habe ich auch gewusst. Nur nicht, dass man die Bären auch erschrecken kann. Das werde ich auf jeden Fall nicht versuchen.

Manchmal habe ich mir gewünscht, dass die Besucher aus Deutschland genau so viel auf das Leben der Menschen Kairos achten, wie auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Diesen Wunsch hast du mir durch dein Tagebuch endlich erfüllt. Die Blicke auf die Menschen in der Totenstadt, die Beschreibung der Kleidung, die Art wie sie arbeiten, was sie essen und wie sie gehen, all dies, unglaublich aufmerksam. Ganz besonderes interessant war deine Beschreibung zum Frisör sowie zu den Frauen auf dem Müllviertel. Das muss ich gleich nochmal lesen.

Ich wiederhole dies hier nochmal, habe ich an einer anderen Stelle schon geschrieben: mit Johanna und dir sind die Tage besonderes schnell gelaufen. Heiner! Menschen wie dich trifft man nicht jeden Tag. Es war ein Glücksfall dich kennen zulernen.

Nochmal vielen Dank für den Besuch. Ich hoffe, euch in Kairo zu sehen, oder vielleicht zur Mitternachtssonne beim Fischfang.

Gruß
Nagi
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wir konzentrieren uns auf gemeinsamkeiten, und entschuldigen uns gegenseitig für verschiedenheiten. Nagi. www.kairo-in.de
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BeitragVerfasst am: 15.03.2013, 08:40    Titel: Rückreisetag

Rückreisetag

Schon am Vorabend begannen Johanna und ich die Koffer
zu packen. Zielen wegen dem Gewicht müssen wir nicht. Wir
hatten so viele Kleinigkeiten nach Kairo geschleppt. Käse aus
einem Bergtal, Mostbröckli aus der Region Rheinfall, Birchermüesli-
flocken mit Schocki wie die Deutschen schreiben, wir schreiben
Schoggi, Luxenburgerli, 2.4 kg Schokolade und vieles mehr.
Mostbröckli ist in Cider, Apfelwein, gelegtes Rindsfilet, also quasi
im Apfelwein gebeizt. Danach wird es in die Rauchkammer gehängt
und im Eichenholzrauch geräucht. Ein Fleischstück, das ich gerne
auch auf meine langen Reisen mit dem Hundeschlitten mitnehme.

Am Bummeltag durch Maadi haben wir als Souvenir gemäss
Aussage einer sich bemühenden Verkäuferin berühmtes
ägyptisches Frottée gekauft. Das Frottée war bestickt mit für uns
typisch orientalischen Motiven, Johanna hat beim Silberschmied
lange etwas passendes gesucht. Der Schmied und Johanna haben
gemeinsam nichts Passendes gefunden. Aus meiner nur beobachtenden
Sicht lag es auch daran, dass der Schmied Johanna versuchte einen
riesigen Klunker zu verkaufen, während Johanna etwas ganz feines
elegantes aus Silber möchte.
Wir haben am Bummeltag auch einmal eines der Lebensmittel-
geschäfte durchforstet, für Antje und Tillmann eingekauft, und selbst
nach Spezialitäten gesucht, um auch etwas für unsere Freunde in
Finnland und der Schweiz mitzunehmen. Wir fanden in einem der
Untergrundläden etwas ganz besonderes, das ich vergangenen
Mittwoch im finnischen Tanzclub in Zürich anbot. Finnischer
Tanzclub? Wusstet ihr dass nicht Argentinien mit seinen
Einwohnern die meisten Tangotänzer stellt sondern Finnland?

Finnischer Tango, kein Witz, ein Tanz, der in jedem Dorf jedes
Wochenende, vor allem im dunklen Winter, oft auch mit live
Musik, getanzt wird. Man trifft Frauen, die man noch nie gesehen
hat zum anforderungsreichen und sinnlichen Tango, zum beschwing-
ten Walzer, Mazurken, Humppa, eine finnischen Tanz. Es ist erlaubt
jede Frau zum Tanz aufzufordern, auch solche die klar als Liebespaar
am Tanzanlass sind. Eine Ablehung einer Bitte einer Frau zum Tanz
gilt als extrem unhöflich. Andrsrum ebenso. Fast alle Finnen lieben
Lakritze, sei es als Kaumasse ähnlich wie Gummibärchen, aber auch
als Geruch wie Saunaufgüsse (Tannennadel und ähnliche Düfte sind in
Finnland nie anzutreffen) oder gar als Elixier wie Tervashnapsi. In
der Süssigkeitenecke des finnischen Lebensmittelgeschäftes fanden
wir in Finnland hergestellte Lakritze“zückerchen“, die Tüte überklebt
mit einem ägyptischen Zettel auf dem gemäss dem Kassier geschrie-
ben steht, was auch auf englisch auf der Packung steht. Anzahl
Kalorien, schadet den Zähnen und ähnliches. Und, das muss man
betonen, es war kein Lakritze-Billigprodukt aus irgendwoher. Es war
ein Beutel der in Finnland angesagte Marke der „Panda-Lakritzi“.
Ein 250 Gramm Beutel hat soviel gekostet wie das Mittagsmahl für
uns drei gestern. Der Ladeninhaber beteuerte: Ich habe nur hier, was
ich gut verkaufe. Du siehst, mein Geschäft müsste grösser sein!
Um 8 Uhr muss der Koffer gepackt sein, Taxifahrer Said wird kom-
men und Johanna und mich in die Schule von Antje fahren, wo wir
der geneigten Schülerschaft Einblicke und Unterricht erteilen sollen.
Um 15 nach 8, Said ist noch nicht da. Vergessen? Unzufrieden? Antje
iet uns am Telefon, zur 213. zu gehen, da habe es viele Taxis. Wir
fanden auch sofort einen geneigten Fahrer, der uns nach Neu-Kairo
bringen soll. Kattameya, Ausfahrt 12. Antje meinte, fast keiner der
Taxifahrer wird die Adresse der Schule kennen. Das war auch beim
Fahrer, Yassir, der Fall. Mit Smartphone in die Schule, ins Sekretariat,
anrufend, half Mary, die Schulsekretärin dem Taxifahrer auf ägyptisch,
wie er fahren muss. Und los gings. Für die Wildheit von Mähne und
outlook, mit Beduinenkopftuch wie es Arafat der verstorbene
Palästineserchef trug, sehr manierlich und gekonnt fuhr der Fahrer
direkt los – fand auch die Abfahrt 12 richtig und sauste dann auf
die Hauptstrasse, die Antje beschrieben hat. Nur wussten wir nicht,
ob die zweite oder dritte Strasse links. Der Fahrer zeigte an, einmal
nach vorne und links – und einmal nach hinten und links. Ich rufe
nochmals Mary an, verbinde den Fahrer – und los geht es. Bis in
den Sicherheitsbereich der Schule. Diese Strecke kostet ungefähr
30 Pfund mit Overtipp. Ich gebe dem Fahrer 40, weil er seine Sache
aus meiner Sicht sehr gut gemacht hat. Er gibt mir auf die zwei 20
Pfundscheine zwei Fünfer zurück. Die ich im wieder zurück in die
Hand drücke. Er stahlt wie ein Pharao, verneigt sich drei Mal und
zeigt uns, dass er trotzdem englisch kann: Thanks, thanks, thanks!
Steigt in sein Auto und fährt weiter oder zurück, je nachdem was
Allah will. Eine sehr nette Begegnung mit einem jungen Taxifahrer,
dessen oufit uns zuerst etwas Schuckauf bereitete. Ich stelle fest:
Vorurteile sind oft Urteile mit dem längsten Bestand, leider.

Im Schulsekretariat von Mary herzlich begrüsst, in perfektem
Deutsch, werden wir weiter ins Lehrpersonenzimmer geführt.
Mary ist Tochter einer deutschen Mutter und eines vermutlich
ägyptischen Vaters und arbeitet gerne an einer deutschen Schule
um ihre beiden Kulturen in der Arbeit gut zu verbinden – und auch
das Deutsch immer wieder anwenden zu können. Aufmerksam und
kollegial werden wir im Pausenraum der Lehrkräfte begrüsst – und
auch die Schulleiterin kommt vorbei, um uns willkommen zu heissen.
Wir wurden von Antje engagiert, um in der vierten Klasse „Musik“,
also singen zu unterrichten, danach Geographie und als dritte Lektion
Arbeitsgruppe. Müsst nichts vorbereiten, meinte Antje, passt schon.
Als Einschub muss ich hier anmerken, dass ich vor meinem Studium
als Architekt klassisches Violoncellospiel studiert habe, nicht
abgeschlossen, weil ich wohl zu schlecht war. Johanna ist eine in
Finnland bekannte Organistin. Wir haben am Vorabend bestimmt,
den Kindern im Gesang zuerst ein Einsingen zu bieten, wie wärmt
man seine Stimme, ähnlich wie die Muskeln und Sehnen beim Sport,
auf. Wir versuchen den Kanon Bruder Jakob am Schluss vierstimmig
zu singen. Zeit 45 Minuten. Ich übernahm das Einsingen, Johanna die
Tonschritte des Kanons, ich die Diktion des Singtextes, dann geht es
im Kanon los. Vorher noch eine Leise-Singübung, einstimmig. Mit 15
Kindern ist es schwer, auch bei geübten Sängerinnen und Sänger,
vierstimmig zu singen. Mit der Hilfe aller drei Alten im Klassemnzimmer
gelang ein Durchgang, 3 stimmig, piano also leise, auf gutem
Schülerniveau. Nach cirka 35 Minuten sind die Kinder platt, die
Konzentration weg. Und der Wunsch der Kinder, wir möchten noch
etwas spielen grösser wie weiter singen. Wir wollten zum Abschluss
den Kanon mit finnischen oder französischen Text singen. Also Lapin
Kulta, Lapin Kulta, Karjala . . oder Frère Jacques, Frère jacques . . .
Das ging im wilden Kinderspiel schlicht unter. Da musste das viele
Zucker aus den Pausengetränken und Zwischenmahlzeiten verarbeitet
und abgebaut werden.
Nach einer guten Pause und einer Lektion Besuch in der umfang-
reichen Bibliothek für Schüler, Geographie. Johanna erzählte in
englischer Sprache von Finnland. Ich in deutscher Sprache von
der Schweiz. Ich bot etwas von den Grundzügen des Schweizer
Deutsch. Die Kinder staunten, als Johanna erzählte, dass alle
Einwohner von Finnland mit vier multipliziert werden können –
und es hätte immer noch freie Wohnungen in Kairo. Dass es in
Europa Bereiche gibt, die wir als Wildnis oder Urwald bezeichnen
glaubten die Kinder nicht.
Die Pause vor der Geographiestunde bot uns die Möglichkeit, die
Bibliothekarin kennen zu lernen. Sie ist neben dem Schulbesuch
Silberschmiedin und arbeitet an genau für Johanna passendem
Schmuck. Zusammen schmieden die beiden Damen eine feine
Handkette, die mit einem weissen Stein, wie Alabaster, geziert ist.
Von der Schweiz wussten die Kinder viel mehr. Schokolade, Käse,
Berge. Ein Mädchen fragte, wieso dass die Schweizer so viel
Schokolade machen, das sie bis nach Ägypten geliefert werden
muss, um gegessen zu werden? Ein Knabe erwiderte, er finde das
gut so, er liebe die Schweizer Schokolade und die gebe es in der
Schülerkantine. Als ich ihm erkläre, dass es 7 grosse Schokoladen-
produzenten gibt in der Schweiz sowie einige Kleinproduzenten mit
Spezialitäten ist er enttäuscht. Also die Schoggi, die es in der
Kantine gebe sei ausreichend, mehr brauche es nicht, befand er.

Von Antje wusste die Klasse, dass ich mit Hundeschlitten Reisen
unternehme, fast am Nordpol, gut 1'000 km südlich ist die
Inselgruppe Spitzbergen oder Svalbard, in der Weihnachtszeit
in der permanenten Dunkelheit, nach dem 19. April geht die Sonne
4 Monate nicht mehr unter den Horizont. Die Geschichten, mit einer
geladenen Waffe spazieren gehen zu müssen, dass Eisbären
meist den Menschen gar nicht angreifen wollen sondern zusammen
spielen wollen fasziniert nicht nur die ägyptischen Kinder.


Schon ist Zeit, die Schule zu verlassen um Richtung Flughafen zu
fahren. Mary hat ein Taxi bestellt, der die Route zum Flughafen
kennt. Nein, meinte sie, Kamel der Fahrer spricht kein Englisch.
Was sich als falsch herausstellte. Sein Taxi, ein Mercedes 200,
Jahrgang 1973, schwarz, Stossdämpfer und Querträger durchge-
schlagen, die Motorhaube rattert im Wind. Wenn Kamel am Steuerrad
dreht muss er gleich Gegensteuer geben, um nicht zu sehr in eine
ungeplant enge Kurve zu geraten. Er ist auch der erste Fahrer, der
unvernünftig durch den dichten Verkehr rast. So in Eile sind wir gar
nicht.
Am Flughafen kriegt er die 30 Pfund, die er nach Marys Aussagen
bekommen soll. Er bat um 10 Pfund mehr, er habe eine Frau und
viele Kinder, müsse den Taxi reparieren und die Zeiten seien
schlecht . . . ich gebe ihm nochmals 10 Pfund für sein Auto. Mit
einem für europäische Verhältnisse wirkend wie aus einem
Autoabbruch geklauten Fahrzeug mit 140 km gemäss Tacho
über eine nebst Personenwagen und Taxis mit einer Panzer-
kolonne gefüllten Autobahn zu rasen sind 10 Pfund wert, denke
ich. Ganz offensichtlich unzufrieden steigt er ins Auto. Insgesamt 3
Sicherheitskontrollen sind zu durchqueren, bis das Gepäck abge-
geben ist. Der erste Kontrolleur will nur die Pässe und die Tickets
sehen – und stellt nicht fest, dass Johanna und ich irrtümlich die
Tickets vertauscht haben. Dann werden alle Gepäckstücke auf
ein Band gelegt, durch ein Sicherheitscheck mit Röntgen oder so
gefahren. Danach kann man die Koffer zum Eincheckschalter
bringen. Hier wird der Koffer gewogen, der Sitzplatz bestätigt
und eine Karte abgegeben, die ausgefüllt werden muss. Anders
als bei der Einreise wird der Pass und die Ausreisekarte nun
aufmerksam studiert. Der Grenzbeamte guckt mindestens 5
gefühlte Minuten auf alle Passseiten, die einen Stempel haben
an. Bis er weit hinten auch das Visum findet. Er prüft den Kleber,
drückt eine Ecke des Visums besser auf die Unterlage – und mit
einem riesigen Schwung haut er den Ausreisestempel auf die
Seite mit dem Visakleber. Hoppla, die Stempelmarke ist upside
down und ich berechtigt, in den heiligen Raum der Dutyfree
Geschäfte zu gehen. Ich bin der Flughafen Verwaltung von
Kairo dankbar, dass ich kurzfristig und ungeplant einige
Trainingseinheiten im überleben in kalten Gebieten der Erde
absolvieren kann. Bevor ich Parfums und Alkoholika ansehen
kann, muss ich mir einen Pullover überstülpen, dass ich nicht
kalt bekomme – und mich womöglich verkühle. In Kairo?

Eine knappe Stunde später, auf einem engen Sessel sitzend:
Hier spricht ihr Flugkapitän. Ich begrüsse Sie auf dem Flug
nach Zürich, wo das Wetter kalt ist, ungefähr Null Grad Celsius,
leichter Schneefall. Nach einem Getränk wurde das heisse Menu
aufgetragen. Mein ägyptischer Nachbar macht die Airhostess
aufmerksam, dass er aus religiösen Gründen nur Halal Speisen
essen dürfe. Alle Speisen sind in Kairo vorbereitet, antwortete
die Dame der Lüfte und der Mann liess sich die Speise geben.
Beim nächsten Trolley mit den Getränken hört er, dass ich
Rotwein und Mineralwasser bestelle – und sieht, dass ich
eine kleine 2 dl Flasche bekomme – bestellt sich auch redwine.
Produziert in Frankreich steht auf der Etikette. Gut zu wissen,
dass es eine grosse islamische Religionsgemeinschaft gibt in
Marseille. Vielleicht wurde der Rotwein aus dem Rhonetal
dort für Halal erklärt. Während dem Flug verlangt der
Flugkapitän plötzlich, dass man sich anschnallt und sitzen bleibt.
Die Flugbegleiter wanken wie betrunken durch die Gänge und
kontrollieren die Sitzgurten – und setzen sich selbst. Als sich
einige Gäste wieder erheben, um die durch die Crew unter-
brochene Diskussion weiter zu führen gibt es ein Hörspiel der
Sonderklasse. Per Lautsprecher meldete sich der Flugkapitän
freundlich: Bitte setzen sie sich! Als nichts passierte etwas
aggressiv, dann droht er mit Busse, falls seine Anweisungen
nicht befolgt werden. Als er dann deutlich nur noch: Sit down ins
Mikrophon schrie, sassen die ägyptischen Mitflieger wieder ab. Sie
konnten kaum wissen, dass die Bussen nach Schweizer Recht
schnell einen ganzen Monatslohn eines ägyptischen Arbeiters
kosten könnte.

Zu Hause angekommen schrieb ich ein Mail an Antje, das gleich
beantwortet wurde – unter die Dusche und ins Bett. Johanna und ich
plauderten noch lange, bis über Mitternacht, um die Tage etwas
Revue passieren zu lassen. Am nächsten Morgen früh in die
Sauna, kauften ein und bummelten. Am Abend flog Johanna weiter
nach Helsinki. Ich sass am Computer und beginne das Minitagebuch
zu schreiben – und die Bilder zu bearbeiten. Gegen Mitternacht, ein
SMS:
Sitze im Flughafenbus – bin in einer Stunde zu Hause – Gute Nacht, J.
_________________
Normalerweise eher am Nordpol wie am Äquator
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Beiträge: 1442
Wohnort: Bei Alfeld im Wald

BeitragVerfasst am: 15.03.2013, 17:12    Titel:

Oooh das war wirklich ein ganz toller Bericht! Für einen Kairo Neuling hast du schon ganz schön viel erlebt und was ich besonders gut finde ist, dass es dir nicht nur um pharaonische oder islamische Gebäude geht, sondern dass du ganz viel von den Menschen und dem Leben gesehen hast. Das erleben die normalen Touristen nur wenig. Und das du dir sogar das Viertel der Müllsammler und die Höhlenkirche angesehen hast... Ich war davon damals schwer beeindruckt und habe mir gewünscht, dass jeder Tourist da mal durch das Vietel der Zabbalin durchgehen muss, um zu sehen, wie unglaublich gut es uns geht. Danach sieht man vieles im Leben und auch in Kairo und Ägypten ganz anders... Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ein kleiner Junge inmitten von Müll ein Bündel orange leuchtender Möhren im Arm hatte und die Sonne nur die Möhren und sein schmutziges Gesicht anstrahlten, aus dem er mich mit großen dunklen Augen ansah. Das wäre mein Foto des Lebens geworden. Aber ich habe es nicht gemacht. Und das war auch gut so...
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Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind (Kurt Tucholsky)
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